2. Net.ObjectDays
OO-Expedition
Kai Böllert, Christian
Kirsch
Mitte
September fanden die Net.ObjectDays zum zweiten Mal in Erfurt
statt. Trotz gegenüber dem Vorjahr leicht zurückgegangener
Besucherzahlen und stark reduzierter Ausstellungsteilnahme
zeigten sich Besucher wie Veranstalter zufrieden.
Wieder
einmal war es den Organisatoren gelungen, zugkräftige Rednerinnen
und Redner für die OO-Tagung zu gewinnen, unter anderen Simon
Phipps (Sun), Stephan Schambach (Intershop), Brad Cox (Virtual
School) und Adele Goldberg (Smalltalk-Erfinderin). Nicht in
allen Fällen hielten die Vorträge jedoch, was die großen Namen
versprachen. So lieferte Stephan Schambach eine in jeder Hinsicht
langweilige Marketingansprache ab, obwohl Intershop sicher
Interessantes über objektorientierte Entwicklung hätte sagen
können - oder über seine Erfahrungen mit der New-Economy.
Am
ersten Tag der insgesamt viertägigen Konferenz fanden Tutorien
statt, die sich mit allerhand aktuellen Techniken befassten;
die Palette reichte von E-Business-Patterns über XML bis zu
SQL 99. Ähnlich breit gefächert war das Vortragsprogramm:
`Versicherungsanwendungen im Internet' fanden hier ebenso
ihre Zuhörer wie die `Generative Container Implementation
in C++', die `Realisierung natürlichsprachiger Webagenten
in Java' und `Business-Angel - nur Engel?'. Wie dieser Querschnitt
zeigt, blieb die Veranstaltung dem Konzept treu, Industrie
und Forschung zusammenzubringen.
Mehr und weniger
spritzig
Frisch
und witzig trotz später Stunde präsentierte Julian Mack (Putz
& Partner Unternehmensberatung AG) neue Ansichten zum
Thema Management von Softwareprojekten. Seiner Meinung nach
stimmt das vielfach beschworene Bild, die Entwicklung von
Softwaresystemen gleiche dem Bau von Gebäuden, nicht. Vielmehr
ähnelte Softwareentwicklung einer Expedition in teilweise
unbekanntes Gebiet, was zu einer Reihe von Konsequenzen für
das Management von Entwicklungsteams führt. Wer überprüfen
möchte, ob Julian Mack damit Recht hat oder lediglich Begriffe
austauscht, sei für einen Einstieg auf www.frankwestphal.de/Software-Expedition.html
verwiesen.
Als
deutlich weniger spritzig hingegen entpuppte sich der Beitrag
von Dieter Rombach zum Thema `Software Quality Management'.
Was er vortrug, war schon vor rund dreißig Jahren unter dem
Stichwort `Softwarekrise' aktuell. Die wichtige Frage, warum
sich in dieser langen Zeit offenbar wenig geändert hat, blieb
offen. Die langen Mittagspausen und mehrere Abendveranstaltungen
nutzten viele Teilnehmer, um unter anderem darüber zu reden.
Reisebüro oder
Biotechnik
Einen
Tag nach dem New Yorker Attentat war mit dem Titel der Podiumsdiskussion
`The next generation killer application' niemand mehr zufrieden
- wenigstens in Krisenzeiten sind tötende Anwendungen unschicklich.
Von den Berühmtheiten auf der Bühne kam wenig Wegweisendes,
was sicher zum Teil den lähmenden Fernsehbildern geschuldet
war. Immerhin enttäuschte Adele Goldberg die Erwartungen:
Sie sagte keiner klassischen IT-Anwendung, sondern gentechnischen
Erfindungen den größten Erfolg voraus. Professor Unland hingegen
wollte das Reisebüro neu erfinden: Er wünschte sich ein für
seinen Bedarf konfigurierbares Tourismusangebot im Internet,
das per Stimme bedienbar sein sollte. Visionäreres war auf
dieser Veranstaltung nicht zu hören.
Teilkonferenz
zu Produktlinien
Ein
Schwerpunkt der Unterkonferenz GCSE (Generative and Component-Based
Software Engineering) war das Thema Produktlinien. Eine Produktlinie
legt eine gemeinsame Architektur für Softwaresysteme aus einem
bestimmten Anwendungsbereich fest und stellt darüber hinaus
Komponenten zur Verfügung, die diese Architektur mit Leben
erfüllen. Der hohe Grad an Wiederverwendung reduziert Entwicklungszeit
sowie -kosten und erhöht die Qualität der ausgelieferten Systeme.
Dass solche Versprechungen in der Praxis tatsächlich eintreten,
bestätigte Detlef Schmitt (Sema GmbH) in seinem Vortrag über
die Entwicklung einer Produktlinie für zivile und militärische
Simulatoren. Allerdings: Konkrete Zahlen zu Einsparungen durch
die Produktlinie konnte (oder wollte) er nicht nennen.
Erneut
thematisiert wurde auf der GCSE die aspektorientierte Programmierung
(AOP). Nach Einschätzung von Lutz Dominick (Siemens AG) klingt
der Hype um AOP ab. Stattdessen kehrt Ernüchterung ein und
sorgt für eine realistische Bewertung des Nutzens von AOP.
Dennoch, mit der für Oktober geplanten 1.0-Version von AspectJ,
Xerox PARCs AOP-Erweiterung für Java (aspectj. org), rückt
der industrielle Einsatz von AOP erstmals in greifbare Nähe.
Grund genug für Siemens, AOP ab sofort in Praxisprojekten
anzuwenden, insbesondere um Sicherheitsaspekte in medizintechnische
Software zu implementieren.
Langeweile
stellte sich bei einigen GCSE-Vorträgen aus der Forschung
ein, was meist am fehlenden Praxisbezug der Arbeiten lag:
Wer braucht eine weitere Programmiersprache, wenn die Welt
schon so viele inkompatible Sprachen beherbergt? Erwähnenswert
dagegen ein Forschungsprojekt aus Finnland: Kai Koskimies
präsentierte FRED (`FRamework EDitor'), ein Werkzeug, das
Entwickler aktiv unterstützt, während sie ein Framework für
eine Anwendung spezialisieren (practise.cs.tut.fi/fred/).
Zumindest
für 2002 trennen sich die Wege der Net. ObjectDays und der
GCSE. Um die internationale Ausrichtung der generativen Softwareentwicklung
zu verstärken, findet die GCSE im kommenden Jahr zusammen
mit der SAIG (Semantics, Applications, and Implementation
of Program Generation) im Herbst in den USA statt; wo genau,
verrät in Kürze www.generative-programming.org. Ob die Trennung
2003 wieder aufgehoben wird, vermochte noch keiner der Organisatoren
zu sagen.
Unklar
ist ebenfalls noch, ob die Net.ObjectDays (www.netobjectdays.org)
im nächsten Jahr wieder in Erfurt stattfinden. Aus Veranstalterkreisen
war zu erfahren, dass die Thüringer Landesregierung die Konferenz
in Zukunft weniger fördern wolle, Nordrhein-Westfalen stehe
einem Zuschuss jedoch wohlwollend gegenüber. Wünschenswert
wäre für die Zukunft ein deutlicher Hinweis der Veranstalter,
dass die Beiträge in der Regel Deutsch zu halten sind: Weder
Zuhörern noch Vortragenden ist mit radebroken `Gerglish' gedient.
(ck)
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